Gibt es illegitime Ziele von Enhancements

Diese rein subjektive Beurteilung eines bestimmungsgemäßen Ausgangs von Enhancements allein nach Maßgabe der individuellen Präferenzen der jeweils betroffenen Person entspricht gewiss prinzipiell grundlegenden ethischen Normen. Dies gilt in der Tat ausnahmslos, sofern nur eine Partei beteiligt ist: Was eine - jedenfalls im Ganzen - zurechnungsfähige Person ausschließlich mit sich selbst anstellt, fällt prinzipiell unter den Schutz ihrer Privatsphäre, ungeachtet eines etwa abweichenden Urteils anderer Leute über den jeweiligen Eingriff.310 In „Zwei-Parteien-Fällen" unterliegt dieses Prinzip jedoch bestimmten Einschränkungen. Die meisten entwickelten Rechtsordnungen kennen bestimmte Grenzen der Rechtfertigung für physische Eingriffe, die eine Person am Körper einer anderen vornimmt, selbst wenn für diese Eingriffe eine aufgeklärte Einwilligung gegeben wurde. Diese rechtlichen Beschränkungen greifen dann, wenn der Eingriff einen gravierenden Verstoß gegen „die guten Sitten" - verstanden als fundamentale, allgemein geteilte ethische Prinzipien und Regeln - darstellt.311 Dieses begrenzende Rechtsprinzip mag nicht nur die unmittelbaren physischen Auswirkungen eines Eingriffs in Betracht ziehen, sondern zusätzlich auch weitere, mit ihm zusammenhängende und beabsichtigte Folgen (und in einigen Rechtssystemen geschieht dies auch). Dann ließe sich der reine körperliche Eingriff nach objektiv-normativen Kriterien schon und allein deshalb als rechtswidrige Schädigung (im oben erläuterten Sinne eines „gravierenden Sittenverstoßes") beurteilen, weil die mit ihm verbundenen Sekundärfolgen als sittenwidrig zu beurteilen sind - unbeschadet des Umstands, dass die betroffene Person selbst den Eingriff als Enhancement betrachtet.

Zwei Arten von Fällen sind hier zu unterscheiden: zum einen Enhancements, die nur aufgrund ihres funktionellen Nutzens für illegitime („sittenwidrige") Ziele angestrebt werden; und zum anderen Enhancements, die als solche, nämlich als Verbesserung, nur von der sie begehrenden Person aufge-

309 Mögliche negative Folgen der massenhaften Anwendung eines bestimmten Enhancement-Verfahrens auf die Gesellschaft sind ein anderes Thema, das hier unter der Überschrift „Gerechtigkeit" (3.4) behandelt wird.

310 Wir lassen hier einmal spezielle Konstellationen beiseite, in denen sich aus einer besonderen moralischen Verpflichtung gegenüber anderen (z.B. der Verpflichtung einer Mutter gegenüber ihrem minderjährigen Kind) für eine Person die Pflicht ergeben mag, ihre eigene Persönlichkeit nicht auf bestimmte Weise zu verändern.

311 Der Einfachheit halber zitieren wir hier den Wortlaut von § 228 des deutschen Strafgesetzbuches; die meisten anderen Rechtsordnungen enthalten Normen mit mehr oder weniger ähnlichen Formulierungen.

fasst werden, von jedem vernünftigen Beobachter dagegen als schwerwiegende Schädigung beurteilt würden. Zu Fällen des ersten Typs: Wenn eine Person in der Absicht, sich der Verantwortung für einen von ihr begangenen Mord zu entziehen, eine Veränderung ihrer Psyche im Sinne einer dissoziati-ven Störung anstrebte, die eine komplette Auslöschung der Erinnerung an dieses Verbrechen beinhaltete, so hätte sie durchaus nachvollziehbare Gründe, diese Veränderung als für sich vorteilhaft und damit als Enhancement zu betrachten. Die Rechtsordnung kann jedoch diese subjektive Definition von Enhancement sehr wohl als irrelevant verwerfen. Dann beginge der Arzt, der im Wissen um die Absichten des Mörders einen solchen Eingriff vornähme, trotz Vorliegens einer aufgeklärten Einwilligung eine rechtswidrige Körperverletzung. Weitere Beispiele für Enhancements, die in rechtswidriger (z.B. betrügerischer) Absicht erstrebt werden, sind unschwer vorstellbar und sollten als realistische zukünftige Möglichkeit ernst genommen werden.

Für die zweite Art von Fällen ist die Erfindung eines veranschaulichenden Szenarios erheblich schwieriger. Man müsste sich eine Person vorstellen, die tatsächlich den Wunsch hat, ihre kognitiven Fähigkeiten in erheblichem Maße zu beschneiden und die dies für sich selbst als Enhancement begreift. Die meisten Menschen würden ein derartiges Szenario wohl als völlig unrealistisch erachten. Doch ein wohldokumentierter analoger Fall aus dem Bereich physischer Interventionen lässt es als voreilig erscheinen, eine solche Möglichkeit a limine zurückzuweisen. In den vergangenen Jahren ist in verschiedenen Ländern eine beachtliche Anzahl von Fällen bekannt geworden, in welchen Chirurgen von ansonsten normalen, d.h. zurechnungsfähigen, Personen dazu gedrängt wurden, an ihnen Amputationen gesunder Gliedmaßen vorzunehmen.312 Vergleichbare Phänomene im psychischen Bereich sind nach unserer Kenntnis bislang nicht dokumentiert. Dass sie gleichwohl auftreten könnten, sollte jedoch nicht leichfertig ausgeschlossen werden. An solche Fälle kann man im Prinzip auf zweierlei Weise herangehen: Entweder erachtet man ein derartig seltsames Verlangen oder jedenfalls das mit seinem Unerfülltbleiben verbundene Leid (das sich als regelrechte Depression manifestieren kann) als psychische Störung, so dass dann, unter bestimmten Umständen, die gewünschte, objektiv schädigende Intervention durchaus als gerechtfertigte Behandlung gelten könnte.313 Oder man weist die Idee der Rechtfertigung eines solchen Eingriffs kategorisch mit der Begründung

312 Fälle sogenannter „selbstgewählter Amputierter" (Amputees-by-choice), s. Bayne und Levy (2005).

313 Selbstverständlich würde die Rechtfertigung eines so gravierenden Eingriffs ein entsprechend gravierendes Leiden des Patienten in Folge seiner Störung zur Voraussetzung haben. Aber eben dies könnte durchaus gegeben sein. In einigen der Fälle von Amputation-auf-Verlangen sollen die betroffenen Personen ernsthaft in Erwägung gezogen haben, Suizid zu begehen, falls ihnen ihr Wunsch verweigert würde.

zurück, dass es sich dabei unter allen denkbaren Umständen um einen gravierenden Sittenverstoß im oben erwähnten Sinn handelt. Gegenwärtig mag man getrost abwarten, was die weitere Debatte zu diesem Problem ergeben wird. Fälle wie die geschilderten haben sicherlich einen exotischen und futuristischen Beigeschmack und werden, wenn überhaupt, nur als seltene Ausnahmen in Erscheinung treten. Das ist jedoch kein Grund, ihre Möglichkeit zu ignorieren. Gegenwärtig bedarf es keiner neuen Rechtsnormen zur Behandlung dieser hypothetischen Szenarien. Doch in dem Maße, in welchem zukünftige Entwicklungen von Eingriffen in das Gehirn neue Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Psyche eröffnen, sollte die Forschung in diesen Dingen ebenfalls vorangetrieben werden, um die empirische Grundlage für normative Lösungen zu schaffen, für die sich dann ein Bedarf durchaus ergeben mag.

In einem gewissen Zusammenhang mit dem obigen Problem steht die Frage, ob Techniken des mentalen Enhancements für rein militärische Zwecke entwickelt oder angewendet werden dürfen: mit dem Ziel, die kognitiven, emotionalen oder motivationalen Charakteristika von Soldaten zu verbessern, um sie zu effizienteren Kämpfern zu machen. Jede normativ beglaubigte Antwort darauf müsste freilich den Bereich der Bio- oder Neu-roethik überschreiten und die Sphäre der politischen Ethik betreten, insbesondere den Bereich der Rechts- und Moralphilosophie von Krieg und Frieden. Aus nahe liegenden Gründen können wir im Zuge der Behandlung unseres Themas nicht in diese Debatte eintreten. Was sich jedoch ganz allgemein sagen lässt, ist das Folgende: Solange man (wie die Autoren dieses Buches) anerkennt, dass ein Staat einen bewaffneten Konflikt unter gewissen Umständen (gemäß den strengen Kriterien des gegenwärtigen Völkerrechts) gerechtfertigterweise austragen kann, lassen sich Einwände gegen mögliches Enhancement zu militärischen Zwecken jedenfalls nicht schon durch den bloßen Hinweis darauf begründen, dass es hier um militärische Zwecke geht. Eine ganz andere Frage ist es, ob das Risiko des Missbrauchs solcher Techniken in bewaffneten Konflikten oder zu völkerrechtswidrigen kriegerischen Zwecken nicht zu hoch ist, als dass sich die Mitwirkung von Wissenschaftlern an militärischen Forschungsvorhaben rechtfertigen ließe. Aber jeder Versuch einer Antwort auf diese Fragen würde die Grenzen dieser Untersuchung sprengen. Daher wollen wir es bei einer allgemeinen Mahnung zu dringender Vorsicht bei jeglichem Einsatz von Wissenschaft zur Etablierung von Techniken belassen, die der Tötung von Menschen dienen (oder die Tötung von Menschen in Kauf nehmen). Als letzte hier einschlägige Frage erwähnen wir die Besorgnis, die Verwendung solcher Techniken könnte dazu führen, dass auf Soldaten (bzw. auf Personen, die Soldaten werden möchten) offen oder versteckt Druck ausgeübt werde, in ein Enhancement einzuwilligen. Ein solcher Druck könnte eine Beschneidung ihres Rechts auf persönliche Selbstbestimmung oder sogar ein politisches Unrecht darstellen; daher werden wir uns dieses Themas (wenn auch in etwas allgemeinerer Form) in den Abschnitten zu Authentizität (3.3.2) und politischer Gerechtigkeit (3.4.2) annehmen.

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Brain Blaster

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